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Bellermont / Unter Stein

Franzmagazine, 21.06.2016
„I am Europe. Europas Zombies kriechen aus den Gräbern“

   

„Die Begegnung stand im Mittelpunkt dieses Theaterprojektes,” erklärte Regisseur Torsten Schilling nach Ende der Vorstellung den zahlreich erschienenen ZuschauerInnen. In einem Workshop mit den Asylbewerbern der Flüchtlingseinrichtung Ex Casa Lavoratore in Meran haben die Theaterschaffenden des Kulturvereins Fabrik Azzurro eine hochaktuelle und engagierte szenische Collage aus Texten, Liedern und Bildern erarbeitet.

Europas Zombies kriechen wieder aus ihren Gräbern. Am vergangenen Samstag, 18. Juni, fanden die Mitwirkenden Christina Khuen, Johanna Porcheddu, Jordì Beltramo, Vincent Povic, Omar El Afrah, Khemais Ali, Yankuba Kanyi, Ebrima Taban, Tamash Khan und das Publikum Unterschlupf im Centro per la Cultura in Meran. Eigentlich war der Marconi Park für die Aufführung angedacht – wegen des regnerischen Wetters wich man in die Räumlichkeiten des Kulturzentrums aus. Und diese wurden fast alle bespielt: Nach der persönlichen Begrüßung in verschiedenen Sprachen lotste der Regisseur die Zuschauer vom Parterre in den ersten Stock und wieder zurück. Die verschiedenen Räume beherbergten unterschiedlichste Szenen, die dank einfacher aber eindringlicher Bühnenbilder von Zita Pichler und Kerstin Kahl und der wunderbaren Musik von Omar El Afra starke poetische Kraft entwickelten. Mal erzählt ein junger Fischer stellvertretend für all die anderen Geschichten der Flucht aus seinem Leben. Mal verwandeln sich die SchauspielerInnen in Hühner, die all jene Vorurteile und Parolen nachgackern, die tagtäglich wiedergegeben werden. Dann stelzen sie „Lügenpresse” skandierend von dannen und überlassen die Bühne den Zombies, die wieder aus ihren Diskurs-Gräbern kriechen, obwohl wir dachten, sie seien nach dem Zweiten Weltkrieg endlich wirklich tot. Ein anderes Mal rezitiert ein empörter Bürger Versatzstücke aus einem AfD-Treffen („Die Bevölkerung wird ausgetauscht. Ich kann das beweisen. Das steht im Internet.”). Das ist erst lustig und dann ziemlich beängstigend.

„I need things to be quiet – and a good glass of chardonnay”. Die offene, szenische Form des Theaterabends spiegelt die widersprüchlichen Unterströmungen innerhalb Europas sehr gut wieder. Dabei schont das Stück niemanden und bringt mit Sentenzen wie „I want things under control. I want the violence to be elsewhere. Not here. I need things to be quiet and a good glass of Chardonnay”  (aus Falk Richters „Fear”) unseren Rückzug in die Bequemlichkeit auf den Tisch. Mit der Verlesung der Europäischen Menschenrechtscharta nähert sich die Aufführung dem Herzen Europas und stellt das Selbstverständnis, das auf der Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit beruht, zur Diskussion.

„I am Europe” gibt keine einfachen Antworten auf die Fragen, die uns umtreiben, sondern greift in den unterschiedlichen Szenen auf, was da ist – „a lot of fear” etwa. Darin liegt die Stärke des Stücks. Wenn einer der asylsuchenden Mitwirkenden am Ende voller Zuversicht sagt: „Ich habe viel zu tun. Vieles liegt vor mir,” dann wünscht man sich, auch ein geeintes Europa würde diese Worte sprechen und endlich handeln. In der Schlussszene liegt Europa auf den Knien. Ob es in der Wirklichkeit anders ausgeht? Die Begegnung ist immerhin ein Anfang.

Christine Kofler

http://franzmagazine.com/2016/06/21/i-am-europe-von-uns-und-den-anderen-di-noi-e-degli-altri/

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