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Tageszeitung, 25./26.01.2014
„Wer Schulden hat, darf keine Pizza essen...“

   

Torsten Schilling bringt mit Eva Kuen, Christina Khuen und Peter Schorn Kathrin Rögglas Verschuldungshow „Draußen tobt die Dunkelziffer“ auf die Bühne.

Von Heinrich Schwazer

Die Eltern haben Schulden, die Kinder haben Schulden, sogar Opa und Oma sitzt der „Gigger“ im Nacken. Die Kids telefonieren zu viel, die Oma will eine neue Waschmaschine, obwohl die alte noch funktioniert, der Opa hat seinen Cellulare auf Raten gekauft. Klingt nach Problemen. Ist es aber nicht, sofern man Finanzjongleur ist. Es genügt zu begreifen, dass man Schulden mit noch größeren Schulden in Schach halten kann. Das Problem ist also, wenn schon, dass die kleinen Leute die höhere Schuldenarithmetik nicht begreifen – und sich für ihre Schulden schämen.

Müssen Sie nicht, denn Sie gehören zur Dunkelziffer. Mit diesem dunklen Wort – es handelt sich um keine Ziffer sondern um eine Zahl – aus der Kriminologie bezeichnet die Statistik die Relation zwischen erfassten und tatsächlichen Fällen von Verschuldeten. Die österreichische Autorin Kathrin Röggla hat dazu ein Stück verfasst, für das sie bei Banken und Schuldnerberatungen recherchierte und aus den Zitaten einen artistisch überhöhten Text montierte.

Figuren, Handlung und Dialoge sind Fehlanzeige in ihrem Stück „Draußen tobt die Dunkelziffer“, sprachliche Grundlage ist ein einziger Fließtext, der von beliebig vielen Schauspielern gesprochen, besser gesagt: moderiert, werden kann. Röggla schreibt wie ein Maulwurf, der sich, von antikapitalistischem Furor ebenso angetrieben wie beladen, durch die Banker- und Schuldnerberatungsfloskeln wühlt. Sie tut das brillant, unerbittlich, eingängig – und macht damit das erste beklagenswerte Opfer der Krisenrhetorik dingfest: Die Sprache. Auf der Bühne kann das gewaltig schief gehen. Wer Rögglas Text über den allgemeinen Katastrophenzustand bierernst nimmt, landet bei der Ideologiekritik. Man kann auch sagen bei der Langeweile.

Torsten Schilling fasst den Text mit der Kneifzange des Showmasters an und macht daraus eine „Playmobile Verschuldungsshow“. Drei Schauspieler, Eva Kuen, Peter Schorn und Christina Khuen, stehen auf der Bühne. Drei identische Perücken, drei identische Brillen, drei Austauschbare – Menschen wie du und ich eben.

In einer schrill-vergnüglichen Ouvertüre stimmen sie auf einem billigen Keyboard ein Liedchen über die Haushaltsversager dieser Erde an, später hauen sie bizzar-schauerliche Töne wie die Einstürzenden Neubauten aus Ölfässern und Klampfen heraus. Zentrum der Inszenierung sind jedoch weniger die Schauspieler, sondern Playmobilfiguren, die vor einer Videokamera bewegt und auf eine Leinwand projiziert werden. Das ist so putzig, dass einem darüber Angst und Schrecken vergeht – überaus komisch. Damit zeigt er, dass wir alle nur herumgeschubste Spielfiguren in einem unbegreiflichen Spiel sind und obendrein, wie grotesk lächerlich alles Aufplustern und Besserwissen ist. Betrug und Selbstbetrug halten sich im „Löcherstopfsystem“ die Waage, obwohl die Lösung doch ganz einfach wäre: „Wer Schulden hat, darf keine Pizza essen.“

Kapitalismus ist ein kolossales Spiel, Theater auch. Mit dem Playmobil-Dingsda hat Schilling ein Aus-der-Haut-fahren-Bild für unsere selbstgebastelte Schuldnerberatungsexistenz gefunden. Erhängen tut weniger weh, wenn man eine Playmobil-Figur ist. Ein virtuoses Ensemble, das die vokalen Kapriolen des Textes mit Schmäh und mordmäßig ausgelassenem Tamtam über die Bühne bringt, steht ihm zur Verfügung. Dahinter lauert die Dunkelziffer.

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